Dienstag, 10. November 2015

Über die Stadt am Golf.


Auf unseren Reisen in den Karst trafen Mike und ich den italienischen Autor Corrado Premuda. Er schreibt und lebt in Triest und macht sich Gedanken über die Menschen, neue politische Strömungen und die Zeit als man noch über die kommunistische Grenze schaute. (Das Interview ist eine gekürzte Version, die Vollversion erscheint demnächst. Dazu kommt noch ein eigens für dieses Projekt verfasster Text des Corrado Permudas, auch demnächst.)

Mike und Corrado, zu besprechen gibt's genug!


Du bist Autor und lebst in Triest. Erzähle mir einiges über das „neue Triest“.

Corrado: Die Industrie gehört immer mehr der Vergangenheit an, Triest ist heute mehr denn je eine Stadt für Touristen. Italiener und Besucher aus ganz Europa entdecken eine Stadt, die für Italien sehr ungewöhnlich ist. Sie hat einen österreichischen Einschlag, jedoch auch viele andere architektonische Einflüsse. Dazu beherbergt Triest viele Menschen unterschiedlicher Ursprünge: Italiener, Slaven, Juden, und auch ganz neue Einflüsse sind spürbar: Durch viele Forschungs- und Bildungseinrichtungen kommen zum Beispiel auch Professoren aus Indien, oder Pakistan, manchmal sogar Nobelpreisträger und die leben nun in Triest.


Textauszug aus Corrado Premudas Beitrag zu IL CARSO LA BORA


Eine andere Frage, wie geht es den modernen Künstlern in der Kulturnation Italien?

Corrado: In Italien ist es sehr schwierig als Künstler zu überleben. Alle Künstler, die ich in Triest kenne, sind finanziell nicht abgesichert. Ich bin zum Beispiel Lehrer, Journalist und Autor. Der deutsche in Triest lebende Krimiautor Veit Heinichen kann davon leben, aber er wird auch respektiert, sowohl von der Szene als auch von der Bevölkerung. Seine Bücher spielen in Triest, das ist auch für den Tourismus interessant.

Neonationale Bestrebungen am Golf: Trieste Libera/ Svobodni Trst (Freies Triest)

Corrado: Der Gedanke unabhängig zu sein, bringt mich zum Lachen. Einige Triestiner glauben noch immer, sie sind unterschiedlich zum restlichen Italien. In einer gewissen Weise stimmt das auch. Bezüglich der Geschichte stimmt das. Aber heutzutage ist es für mich sehr befremdend zu denken, wir wären unabhängig. Unabhängig wovon? Wir sind Teil der EU, so gesehen geht die Zeit der Nationen zu Ende. Wir leben in der Epoche der Regionen, es ist interessanter über Friaul-Julisch Venetien oder die Steiermark zu reden.

Grenzstein nach Slowenien. Görz / Gorizia /´Gorica


Wie war das Leben mit den kommunistischen Nachbarn?

Corrado: Die Grenze gab uns das Gefühl, dass auf der anderen Seite etwas sehr Unterschiedliches stattfindet, das gefühlt sehr weit weg liegt. Die Grenze war also wirklich spürbar. Das fing mit dem Militär am Grenzübergang an. Um einfacher hinüber zu kommen, hatten wir spezielle Passierscheine, weil viele Triestiner auf der anderen Seite auch Angehörige hatten. Es war eine wichtige Wende für Triest, dass Slowenien und Kroatien Teil der EU wurden. – Heute sprechen wir hier manchmal von der Alpen-Adria-Region, oder auch von ganz Mitteleuropa. Das könnte zu einer Realität werden. Noch vor 20 Jahren war es noch nicht realistisch, solche Gedanken zu haben.

Über Politik zu schreiben, fällt Autoren heutzutage eher schwerer.

Corrado: In Italien ist das einfacher. Hier sind Politiker wie Schauspieler oder Komödianten. Sie unterhalten und machen TV-Shows, wie zum Beispiel Silvio Berlusconi. So gesehen kann man auch sehr leicht über sie im ironischen Stil schreiben.
Danke für das Gespräch, Ciao, čáo und tschüss,